Samstag, 19.12. Bierhof St.Gallen
21. Dezember 2009
Oder:
“Wie man in 2 Stunden ein Konzert organisiert”
Freitag, 18.12. St. Gallen – Basel:
Eigentlich begann das Wochenende ganz angenehm, wenn auch nicht gänzlich stressfrei. Zu meinen Fähigkeiten gehört unbestreitbar das Talent, Züge ganz knapp zu verpassen. So startete ich freitags meine nachmittägliche Reise ins ferne Basel etwas später als geplant. Gerne würde ich von der schönen winterlichen Landschaft berichten, welche unweigerlich bei einer solchen Fahrt zu besichtigen wäre. Aufgrund eines kleinen Erholungsdefizites meinerseits kann ich mich aber nur noch abschnittsweise daran erinnern. Wesentlich ausgeschlafener, aber noch nicht wirklich wach, torkelte ich zwei Stunden später über den Basler Bahnhof, in der Hoffnung, die Masse würde mich in etwa in die richtige Richtung treiben. Nun ist Basel für ein Landei nicht gerade eine übersichtliche Stadt, und “gleich beim Messegelände” alles andere als eine präzise Ortsangabe. Allen Widrigkeiten zum Trotz traf ich dann doch noch irgendwann im “Chez Soif” ein.
Das Fazit des eigentlichen Konzertes an diesem Abend fällt knapp aber positiv aus: Der Keller war gemütlich, das Publikum spärlich, dafür umso begeisterter, das Spielen hat Spass gemacht, Pizza und Kuchen waren lecker. Zudem bot diese “Generalprobe vor Publikum” eine gute Gelegenheit, vor dem nächsten Auftritt einige Neuerungen auszuprobieren.
Samstag, 19.12. früher Morgen, Herisau:
Es gibt Tage, an welchen man aus unglücklichen Umständen dazu gezwungen ist, früher aufzustehen als es für die eigene Gesundheit förderlich wäre. Die meisten Arbeitstage gehören unweigerlich dazu. Aber auch dieser Samstag war ein solcher. Nun, dafür blieb genügend Zeit, sich auf den abendlichen Auftritt in St.Gallen vorzubereiten. Dachte ich…
gegen 17 Uhr, Herisau:
Meinereins steht gerade im Badezimmer, und ist versucht, sich optisch für den Abend herzurichten. Böse Zungen behaupten, dass die hoffnungslos sei, und dass man die somit verschwendeten Stunden sinnvoller einsetzten könnte. Aber wer will sich selbst dies schon eingestehen.
Unerwarteter Weise klingelte das Telefon und überbrachte eine folgenschwere Nachricht: Man habe soeben von “Ohm” erfahren, dass sie an diesem Abend aus bisher ungeklärten Gründen nicht auftreten könnten. Im Grunde genommen ist dies zwar schade, aber nicht sonderlich tragisch. DividingLine kann auch einen Abend ganz gut alleine gestalten. Etwas unvorteilhafter war der Umstand, dass diese Band für die Organisation des gesamten technischen Equipments sowie auch für das Schlagzeug verantwortlich war. Anina, Reto und Peach sassen bereits im Auto und Kathy im Zug auf dem Weg nach St.Gallen.
17:15 Uhr, immernoch im Badezimmer:
Ein erneuter Anruf brachte meinen sorgfältig aufgestellten Zeitplan komplett durcheinander. Ein Schlagzeug wäre organisiert, nur müsse man es augenblicklich in St.Gallen abholen.
17:20 Uhr, vor meiner Haustüre:
Die Kälte war tagsüber schon in meinem Haus zu spüren, was aufgrund der fehlenden Zentralheizung nicht weiter wunderlich ist. Dennoch freute ich mich über die schöne Schneelandschaft, welche sich mir beim verlassen des Hauses darbot. Vielleicht stehen dieses Jahr sogar weisse Weihnachten bevor.
17:25 Uhr, Herisau, Tobelackerstrasse:
In just diesem Moment revidierte ich meine kurz zuvor geäusserte Meinung gründlich. Nicht zu letzt, da mein Golf soeben erfolglos versuchte, die Steigung vor meiner Garage zu bewältigen.
17:30 Uhr, Tobelackerstrasse:
Mit viel Feingefühl, gutem Zureden und einer gehörigen Portion Optimismus erklomm mein Wagen erfolgreich jene vor meiner Garage befindliche Fehlplanung des örtlichen Strassenbauamtes. Wenngleich auch im Grund friedliebend, trugen die momentanen Umstände sowie der mangelnde Schlaf nicht sonderlich zu einer besseren Stimmung meinerseits bei.
18:15 Uhr, erneut Tobelackerstrasse:
Ich spiele mit dem Gedanken, Schneeketten zu kaufen. Beladen mit Schlagzeug und Freundin kämpft mein Golf erneut mit mangelnder Haftung. Der Weg nach St.Gallen hat anstelle der üblichen fünf Minuten knapp zwanzig Minuten in Anspruch genommen. Meine Styling-Zeit verkürzte sich somit von sechzig auf fünf Minuten. Hierbei kann niemand mehr von Verschwendung sprechen.
18:40 Uhr, Bierhof St.Gallen:
Die Erleichterung endlich und ohne grössere Verluste am Ziel angekommen zu sein, war gross. Zumindest für einen kurzen Augenblick.
Es ist ein unangenehmes Gefühl, am Veranstaltungsort vor verschlossener Türe zu stehen. Nach einer kurzen rein gestikulativen Debatte durch das Schaufenster wurde mir dann dennoch geöffnet.
Ich habe sechs Jahre lang Lehrlinge ausgebildet, und erkenne einen völlig verständnislosen Blick, welcher lediglich “Bahnhof” oder sogar nicht einmal mehr dies suggeriert, sofort. Allerdings habe ich nicht mit einem solchen gerechnet, als mir die Türe geöffnet wurde, und ich dem hiesigen Wirt erklärte, dass wir heute Abend in seinem Lokal ein Konzert geben würden.
Scheinbar hat der Organisator dies zwar vor drei Monaten einmal angekündet, sich aber daraufhin nie wieder gemeldet. Dank einer gewissen Begeisterungsfähigkeit und Spontanität vor Ort, war es dennoch kein Problem, dass wir unser Konzert gaben. Zumindest was das Lokal anbelangte.
18:55 Uhr, Bierhof, zwischen Tür und Angel:
Ich sprach gerade von Blicken voller Unverständnis zwecks mangelnder Aufnahmefähigkeit: Als mir mitgeteilt wurde, dass man von Seiten der Technik auch schon seit Wochen nichts mehr gehört habe, war ich dann derjenige, welcher völlig verdattert aus der Wäsche schaute.
19:00 Uhr, Bierhof:
Der Rest der Band traf ein. Man resümierte:
- Man wusste nur vage von unserem Konzert
- Es wurde augenscheinlich keine Werbung gemacht
- Unsere Vorband hat uns versetzt
- Die gesamte Technik samt Mischer fehlt
19:15 Uhr, Autobahn A1 Richtung Zürich:
Das Wetter hat sich zwischenzeitlich nicht wirklich verbessert. Eigentlich ist es ganz witzig, wenn der Wagen gelegentlich ausbricht, und man sich überraschen lassen kann, in welche Richtung man als nächstes fährt. Nicht aber, wenn man es eilig hat.
19:35 Uhr, wieder Tobelackerstrasse:
Ich frage mich, wie oft ich heute noch mit dieser Steigung kämpfen werde. Die Last des Gitarrenverstärkers auf der Rückbank war dem Fahrvergnügen auch nicht sonderlich dienlich. (Vielen Dank an Harald, welcher uns ganz spontan seinen bei mir zuhause zwischengelagerten Marshall zur Verfügung stellt)
20:00 Uhr, Moving Light and Sound, Materiallager:
Ohne die Spontanität einiger Menschen an diesem Abend wäre unser Konzert nicht möglich gewesen. Moving Light and Sound ergänzte die Technik um die fehlenden Komponenten.
Ich demonstriere anderen Menschen immer wieder gerne, was für ein Raumwunder mein Golf ist. Jedoch half an diesem Abend auch jahrelange Tetris-Erfahrung nichts mehr. Gitarrenverstärker, Sub-Woofer, Mischpult, Endstufe und diverses Kleingerümpel waren dann einfach zu viel.
20:45 Uhr, Bierhof, auf der Bühne:
Eric von Moving Light and Sound hat mich beim Transport unterstützt.
Das Anschliessen eines Mischpultes gehört zwar nicht zu meinen Kernkompetenzen, dennoch sollte dies ohne grössere Schwierigkeiten machbar sein. Doch der Kampf mit den Kabeln und Knöpfen gestaltete sich umständlicher als vermutet.
20:50 Uhr, Bierhof, vor dem Mischpult:
Alles ist angeschlossen, nichts läuft. Kein Ton auf den Boxen, nicht einmal ein Brummen.
20:52 Uhr, Bierhof:
Pause
Hinsetzen,
Essen,
kurz mal alles auf die Seite legen.
20:55 Uhr, wieder auf der Bühne:
Weiter geht’s. Mit Gebrüll in das elektronische Schlachtfeld gestürzt.
21:10 Uhr, immer noch auf der Bühne:
Nun ist wirklich alles angeschlossen, und diesmal sogar richtig. Das Publikum trifft ein. Die Nerven liegen blank, gesprochen wird nur noch das nötigste.
21:14 Uhr, resigniert vor dem Mischpult:
Nach ausprobieren sämtlicher vorhandener und eingebildeter Knöpfe ein erstes Erfolgserlebnis: Leise Klänge aus einem Teil der Boxen.
21:22 Uhr, zufrieden grinsend auf der Bühne:
Die Technik läuft. Nun ist alles für einen Soundcheck bereit. Erst jetzt fällt mir auf, dass das Lokal erstaunlich gut besucht ist. Wenngleich auch kaum jemand wusste, dass es heute Abend ein Konzert gibt. Dennoch sind ein paar bekannte Gesichter zu sehen.
21:34 Uhr, physisch anwesend:
Nach einem Soundcheck von gefühlten 40 Sekunden muss alles passen. Eine letzte Gelegenheit sich kurz zurück- und umzuziehen.
21:50 Uhr, auf der Bühne:
Alles läuft. Alles ist eingestellt. Publikum vorhanden. Jetzt kann’s los gehen.
22:20 Uhr, in Begeisterung und einer eigenen Welt:
Die Stimmung ist toll. Es macht unglaublich Spass zu spielen, der ganze Stress ist vergessen. Den Leuten gefällt es.
22:26 Uhr, am Rand der Bühne:
Unsere zwei Ladys geben richtig Gas. Auch Kathy traut sich sehr zur Begeisterung des Publikums nach vorne auf die Bühne.
23:00 Uhr, in Hochstimmung:
Es wird Zugabe verlangt, welche wir gerne geben. Die neuen Lieder scheinen zu gefallen, ebenso unsere eingespielten Samples. Es ist ein schönes Gefühl, wenn das, was man macht anderen gefällt.
23:15 Uhr, irgendwo im Bierhof:
Das Konzert war toll, die Stimmung ausgezeichnet. Nun sitze ich neben meiner Freundin und versuche mich zu erinnern, wann ich sie das letzte Mal an diesem Abend wahrgenommen habe. In mir wächst die Befürchtung, dass sie ein wenig zu kurz kam.
01:30 Uhr, Herisau, Tobelackerstrasse:
Die erste Materialfuhr ist zu hause, eine zweite folgt sogleich. Zumindest hoffe ich dies, da ich mal wieder mit eben jener Steigung vor meinem Haus kämpfe. Langsam wird mir bewusst, warum hier jeder Subaru fährt.
01:55 Uhr, Bierhof, erneut vor verschlossener Türe:
Man vergass, dass ich noch nicht alles eingeladen hatte. Glücklicherweise hat man im Verlauf des Tages schon eine gewisse Erfahrung an nonverbaler Kommunikation durch Schaufensterscheiben gesammelt, was mir erneut zu gute kam.
02:25 Uhr, Herisau, Tobelackerstrasse:
Ich stehe mit meinem Auto auf halber Höhe. Alles ist ausgeladen, das Auto talwärts gerichtet. In meinen Augen spiegelt sich Übermüdung und ein leichter Anflug von Wahnsinn. Ein Grinsen schleicht sich auf meine Lippen und ich vergesse die Welt um mich herum …
Ich gebe Gas, diesmal abwärts.
Schalte, einmal, noch einmal.
Was mir bis anhin hinderlich war, dient nun zur optimalen Beschleunigung.
Die Strasse endet.
Ich ziehe die Handbremse, Schlage ein, und geniesse die unkontrollierte Rutschpartie.
Irgendwann steht das Auto wieder.
Die Rache des kleinen Mannes. Genugtuung erfüllt mich.
Glücklicherweise sind die Scheiben verschneit, ansonsten hätte ich wohl oder übel gesehen, wie nahe ich der Begrenzungsmauer gekommen bin.
02:55 Uhr, zu Hause:
Ich liege im Schlafzimmer und geniesse die frische Luft bei minus fünf Grad Raumtemperatur.
Zufrieden schlafe ich kurz darauf ein. Eigentlich war es ein sehr schöner Tag. Und vor allem eine weitere Erfahrung.
Somit freue ich mich auf weitere Konzerte. Doch bitte nie wieder mit einer derart lausigen Organisation.
In diesem Sinne…
Matthias
29. Dezember 2009 um 22:48
Muahahahaha! Tja event Organisation und Tontehnik will gelernt sein. Ich hätte an eurer Stelle ein unverstärktes acapella Konzert zum besten gegeben und Technik Technik,- und Instrument Instrument sein lassen.
29. Dezember 2009 um 23:10
Das sagst du jetzt so! Für uns stand ein Auftritt in unserer “Heimatstadt” vor vielen Leuten auf dem Spiel, die extra gekommen sind, um uns original zu hören. Aber ja, Organisation will gelernt sein. Und Zuverlässigkeit nennt sich eine Tugend, die der “Organisator”, der eigentlich Verantwortliche des Abends, der uns sitzen gelassen hat, definitiv nicht sein Eigen nennen kann. Zum Glück wurde am Schluss noch alles gut…
29. Dezember 2009 um 23:19
Ja, das wäre allerdings eine Möglichkeit gewesen. Doch hätten wir dann leider auf unsere neuen Samples verzichten müssen, welche Reto doch so schn gemischt hat.
Und andererseits macht eine Stagepiano ohne Boxen nicht so viel Spass.
LG
und vermutlich bis Sylvester
4. Januar 2010 um 01:22
Währe aber lustig wenn Du die Pianoarrangements mit dem mund gemacht hättest, mal was anderes.
Mit den Samples hast Du recht, ich hab sie am silvester gehört, finde ich total geil.